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Der Herrligkoffer-Explorer-Club ist nun in Gründung und wird demnächst mit einer eigenen Webseite vorgestellt.

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Das 65. Jahr – Erstbesteigung Nanga-Parbat

Manche Berg-Mythen sind so oft wiederholt worden, dass viele sie nicht ändern möchten, auch wenn sie längst widerlegt wurden. Diejenigen des Nanga Parbat, dem sogenannten ‚Schicksalsberg der Deutschen‘, gehören dazu.

Für die Mitglieder des Deutschen Alpenvereins wurden in einem Beitrag zur Nanga-Parbat-Erstersteigung 1953 in der Mitgliederzeitschrift PANORAMA*), 5/2017) dazu Aussagen beschrieben, die zu kommentieren sind.

Eispickel auf dem Gipfel des Nanga Parbats klein

Um was geht es?

Im Juli 1953 hatte Dr. Karl Maria Herrligkoffer, ein damals 37 Jahre alter ‚Praktischer Arzt‘ in München – ohne jede Himalaya-Erfahrung und gegen den erbitterten Widerstand einiger altetablierter DAV-Funktionäre – das bis dahin jahrzehntelang Unmögliche geschafft: die von ihm geplante und organisierte ‚Willy-Merkl-Gedächtnis-Expedition‘ zum Nanga Parbat (8.125 m) geriet zum die Öffentlichkeit begeisternden Erfolg! Es gelangen der Expedition die Erstbesteigung des Gipfels durch Hermann Buhl sowie die Rückkehr aller Teilnehmer!

 KMH 1953 klein

Damit begründete Karl Maria Herrligkoffer seine eigene Karriere als Expeditionsleiter zum einen. Zum anderen setzte er nach seiner Nanga-Parbat-Expedition 1953 in den folgenden Jahrzehnten immer wieder Impulse für eine Weiterentwicklung der privat organisierten Expeditionen: im Organisationsbereich, beim Führungsstil, bei den Finanzierungsmöglichkeiten und bei der Vermarktung über Medien.

Zweck heiligt Mittel?

Rupalflanke klein

Alle seit 1932 am Nanga Parbat durchgeführten Expeditionen mit dem Ziel Gipfel-Erstersteigung hatten bis anno 1953 zusammen 31 Tote zu beklagen, doch als am 3.Juli 1953 die Erstbesteigung gelang, „... ließ Hermanns Buhls Alleingang zum Gipfel zwanzig Jahre in die Zukunft blicken.“ (DAV-PANORAMA 5/2017)

Rückblickend allerdings ist zu fragen: was denn hat sich geändert? Beispielsweise bei der Fragestellung, warum es bei solchen Unternehmungen – mit extremen Zielen und extremen Akteuren – es immer wieder Streit gibt? Oder, dass hierbei sehr oft gegen ethische Werte, Verträge, ungeschriebene Vereinbarungen verstoßen wird? Also auch anno 1953, als es wegen unterschiedlicher Meinungen sowohl am Berg als auch später bei der kommerziellen Auswertung zwischen ‚Expeditionsleiter‘ und ‚Gipfelsieger‘ zum Streit kam! Doch das ist Historie, das benötigt keine neue Debatte!

Einspruch aber ist gefordert, wenn Ansichten aufkommen im Sinn eines „Der Zweck heiligt die Mittel!“ Hermann Buhl (29) hat damals mit Eigenwillen den Gipfel des Nanga-Parbat alleine angegangen und später – bei etwa 8000 m, ohne geeignete Ausrüstung – noch eine Nacht im Stehen überlebt: mit Hilfe der Droge Pervitin! Die Wirkungen von Pervitin sind bekannt: aufputschende Leistungssteigerung, später Senkung des Schmerzempfindens, Anfälle von Psychosen, Schwindel, Depressionen und Wahnvorstellungen (SPIEGEL online 5/2013). Heute ist Pervitin illegal, als ‚Nachfolger-Droge‘ gilt das berüchtigte Crystal Meth.

 Hermann Buhl bei der Ruckkehr am Silbersattel bearb klein

Die DAV-PANORAMA-Zeile „Übermenschlich: Buhl nach der Rückkehr“ halte ich deswegen als eine deplatzierte Festlegung: unverträglich nach medizinischen Erkenntnissen, entgegen allen geltenden sportlich-ethischen Regeln! Beim Thema Doping jedoch darf der DAV nie und nirgends Zweifel an seiner wertebewahrenden Haltung anklingen lassen: er hat sich bereits den ‚Olympischen Werten‘ verpflichtet! Bekanntlich aber sind diese in Gefahr, müssen aktiv vor Doping geschützt werden! Auch ein ‚Vergessen‘, Wegsehen oder Verschweigen bedeutet ‚By Unfair Means‘!

Geschichtsklitterung widerlegt!

So falsch wie die Behauptung „Nichtbergsteiger Herrligkoffer“ sind Behauptungen, Herrligkoffer habe damals mit einer politischen Einstellung quasi einen Kämpferschwur „zum Ruhm der Bergsteigerei“ seiner Expeditionsmannschaft abverlangt.

Das sind die Fakten: Zur Finanzierung der 1953er Nanga-Parbat-Expedition wurde mit der ‚Deutsche London Film Verleih GmbH‘ ein Vertrag geschlossen. Die Produktionsleitung mit der Drehbuch-Abnahme lag bei einem Produzenten Wilhelm Stöppler, dessen Filmproduktionen bis 1942 als ‚nationalsozialistisch geprägt‘ bezeichnet werden. Für Drehbuch, Regie und Kamera verantwortlich war der Expeditionsteilnehmer Hans Ertl, der damals als einer der besten Bergfilmer galt. Alle anderen Expeditionsteilnehmer – inklusive des Expeditionsleiters Karl Maria Herrligkoffer – waren absolut ‚filmische Laien‘, für Hans Ertl also nur Filmstatisten oder Komparsen! Hans Ertl, damals 39 Jahre alt, ordnete als Regisseur nach seinen Drehbuch-Vorstellungen an, was seine Expeditionskameraden als Komparsen nach seinen Vorstellungen zu tun und zu sagen hatten.

Hans Ertl klein

Die Filmszene ‚Gelöbnis der Bergsteiger am Nanga Parbat‘ von 1953 sollte assoziativ an das Gelöbnis der Teilnehmer an ‚Olympischen Spielen’ erinnern! Die filmisch-dramaturgische Realisation des Nanga-Parbat-Films von Hans Ertl wird heute im ‚Lexikon des internationalen Films‘ bewertet mit dem Kommentar „...Trotz des nach Zeitgeschmacks pathetischen Kommentartextes packend...“.

Ebenfalls belegt und richtig: Dieser Nanga-Parbat-Film und seine Filmtexte wurden anno 1953 einer FSK-Prüfung unterzogen (N.06975 vom 13.11.1953) und von dieser Prüfstelle als „Jugendgeeignet“ und als „Jugendfördernd“ klassifiziert! Zudem bekam der Film von der FBW (Deutsche Filmbewertungsstelle Wiesbaden) das Prädikat „Besonders wertvoll“ und erhielt 1954 beim Deutschen Filmpreis 1954 die Auszeichnung ‚Lobende Anerkennung“.

Anerkennung im 65. Jahr

KMH 150398 klein

Im Nanga-Parbat-Gebiet leben heute noch einige Hochbetagte, die einst als junge Hochträger an den Expeditionen Herrligkoffers teilnahmen. Durch ihre Erzählungen, über ihre Söhne und Enkel ist die Erinnerung an Karl Maria Herrligkoffer noch heute präsent: „He was a great man, it was a great time!“ Mit dem Ziel Diamir-Seite des Nanga Parbat zu erkunden wird Mitte September 2018 eine weitere Regionalprojekt-Erkundungsgruppe des Herrligkoffer-Explorer-Clubs aufbrechen!

Klaus Gerosa

PS.: Dieser Kommentar bezieht sich auf die Veröffentlichung von Malte Roeper im DAV PANORAMA 5/2017, S.19, Glosse ‚Wendepunkte: Offene Rechnungen‘, Hermann Buhl am Nanga Parbat (1953).