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Rezension zu Jochen Hemmlebs neuem Buch
Dienstag, den 25. Mai 2010

Verborgene Wahrheiten am nackten Berg

Quelle: alpinwelt 2/10, www.alpinwelt.de

Jochen Hemmlebs neues Buch »Nanga Parbat. Das Drama 1970 und die Kontroverse« thematisiert die berühmte Nanga-Parbat-Expedition 1970, die mit dem Tod Günther Messners endete und heftige Auseinandersetzungen bis heute nach sich zog.

Im Gegensatz zu den vielen Büchern, die im Zuge des Streits veröffentlicht wurden, will Hemmleb die „erste und einzige vollständige und unabhängige Darstellung“ des Themas wagen. Tatsächlich geht der Autor nicht emotional oder einseitig, sondern sachlich und mit wissenschaftlicher Sorgfalt vor. Hemmleb arbeitet die Expedition zur Rupalwand noch einmal detailliert auf, stellt auch die wenig bekannten Auseinandersetzungen der darauffolgenden Jahre in bislang einmaliger Ausführlichkeit dar und verfolgt die Geschichte bis zum Kinofilm „Nanga Parbat“ in der Gegenwart. Alle zitierten Aussagen werden mit Quellenangaben belegt und sind somit weitgehend überprüfbar. Einen Schwerpunkt legt Hemmleb auf die vielen Widersprüche und Veränderungen in Reinhold Messners Schilderungen im Laufe der Jahre. Diese sind so signifikant, dass sie den Autor eine „Geschichte hinter der Geschichte“ vermuten lassen, die der Wahrheit näher kommt und vereinzelt in unbedachten Äußerungen Messners durchblitzt.

Es fällt auf, dass bisherige Protagonisten des Streits wie Hans Saler und Max von Kienlin nur am Rande vertreten sind, wohingegen der 1970 ebenfalls beteiligte Gerhard Baur vielfach zu Wort kommt. Diese prominente Stellung Baurs im ganzen Buch, neben der man sich vielleicht mehr Wortmeldungen von anderen Expeditionsteilnehmern oder weiteren unabhängigen Fachleuten gewünscht hätte, kann man als etwas unausgewogen empfinden. Es überrascht auch etwas, wie knapp und zurückhaltend Hemmlebs Analyse des Fundes von Günther Messners Leiche ausfällt. Schließlich bleibt Reinhold Messners Version der Geschichte („welche der vielen?“, würde Hemmleb zu Recht fragen) durch die Umstände des Leichenfundes nicht nur unbewiesen, sondern wird sogar durch neue Fakten in Zweifel gezogen.

Eine der größten Leistungen des Autors, der bekanntermaßen nicht zu den engen Freunden Messners zählt, ist der Verzicht auf persönliche Schlussfolgerungen: Hemmleb zeigt gekonnt die entscheidenden Rahmenbedingungen und Fragestellungen der Geschichte auf, anstatt sich zu spekulativen Antworten hinreißen zu lassen; er nimmt an jenem unsäglichen Streit nicht teil, sondern beschreibt ihn als Außenstehender. Mit seinem Buch ist nun endlich eine langersehnte Daten- und Quellensammlung verfügbar, mit der sich jeder selbst einen Überblick über die komplizierte Sachlage verschaffen kann. Natürlich kann auch Hemmleb keine eindeutige Antwort auf die Frage geben, wo und wann Günther Messner ums Leben kam. Wer aber in Zukunft über die 1970er-Expedition am Nanga Parbat mitreden will, muss wohl entweder selbst dabei gewesen sein oder dieses Buch gelesen haben.

Joachim Burghardt

Jochen Hemmleb, Nanga Parbat. Das Drama 1970 und die Kontroverse. Wie die Messner-Tragödie zum größten Streitfall der Alpingeschichte wurde. 232 Seiten, 50 Abbildungen. Tyrolia, Innsbruck/Wien 2010. 24,95 € – www.tyrolia-verlag.at